Marx und DAS KAPITAL

Das 10-jährige Jubiläum der Marx-Herbstschule (MHS) fällt 2017 mit „150 Jahre Kapital“ zusammen, und das bevor 2018 der 200. Geburtstag von Karl Marx ansteht. Neben den Lektürekursen, die Freitag und Samstag diesmal ganztägig stattfinden, wollen wir die Schule erweitern um drei große Abend-Podien und einer Diskussion der internationalen Editionskritik und -geschichte der Marxschen Werke und der MEGA bis heute, die am Sonntag sattfinden wird.

Die drei Abendveranstaltungen finden voraussichtlich im Kunstraum Bethanien statt; dort wird aus Anlass des 100. Jahrestages der Russischen Revolution(en) zudem die Ausstellung „The Kids want Communism“ zu sehen sein. Die Idee ist, mit dem Rahmenprogramm einen sowohl chronologischen als auch einen inhaltlich-systematischen Bogen zu schlagen, nämlich von den Anfängen der neuen Marx- und Kapital-Aneignung der 1960er Jahre über die Situation in den 70er und 80er Jahre zur aktuellen Situation heute.
Die Abschlusstagung ist dann eher wissenschaftlich gehalten und bietet allen die Gelegenheit, sich noch einmal mit internationalen ExpertInnen über Fragen der Forschung und der Edition zu verständigen und mit der Rezeptionsgeschichte vertraut zu machen.

1. Abendveranstaltung, 26.10.2017
Die neuen Kapital-Lesarten im Zuge der neuen Marx-Aneignung um 1968

Wir konzentrieren uns auf die neue, bis heute wirksame und – in zweiter und dritter Generation – weiterentwickelte Marx-Lesarten, die kurz vor 1968 entstanden sind im Zuge des politischen und sozialen Um- und Aufbruchs. Diese Lesarten entstanden innerhalb derselben historischen Sequenz (Anfang bis Mitte der 60er Jahre) mit einem ähnlichen Bedürfnis nach Erneuerung sowie nach Abgrenzung zur marxistischen „Tradition“ und waren einerseits ein Aufbruch zu einem neuen, undogmatischen Umgang mit Marx und andererseits eine Rückkehr zu seinen Texten. Gleichwohl haben sie in Italien, FRankreich und Deutschland (auf diese drei Länder wollen wir uns begrenzen) ganz unterschiedliche politische und ideengeschichtliche Voraussetzungen. Drei wichtige Repräsentaten haben wir einladen können:
Mario Tronti (Rom) für die operaistische Marx-Lesart in Italien. Der Operaismus ist mittlerweile zu einer post-operaistischen (und einer von Foucault geprägten biopolitischen) Lesart übergegangen; im angelsächsischen Raum spricht man auch von „Italien Theory“ und „Autonomist Reading“.
Terray Emmanuel (Chatou) für die strukturale Marx-Lesart in Frankreich. Die strukturale und dann die post-strukturale Marx-Lesart in Frankreich ist vor allem durch die „Althusser Schule“ ungeheuer wirkmächtig geworden. Althussers strukturale Lesart hieß zunächst auch symptomatische oder symptomatologische Lesart, spätestens seit Derrida gibt es aber auch eine post-strukturale und dekonstruktive Marx-Lesart. Althusser widmen wir uns ja bereits ein halbes Jahr vorher in der 3. Marx-Fürhjahrsschule.
Hans Georg Backhaus (Frankfurt/M.) für die formanalytisch-werttheoretische Lesart in Deutschland (auch als „wertkritisch“ bezeichnet). Auch die heterodoxe Kapital-Forschung in der DDR ging in eine solche Richtung.

2. Abendveranstaltung, 27.10.2016
Die „blinden Flecken“ im Marxismus und die Interventionen der 70er und 80er Jahre: Feminismus, Post-Colonial und Subaltern Studies, Cultural Studies
Auf dem Auftakt-Podium zu „150 Jahre Kapital“ sitzen drei mittlerweile ältere Männer. Das ist durchaus repräsentativ für die damalige Situation. Das Podium am folgenden Tag soll bewusst die Interventionen, die Konfrontationen und die (z.T. innermarxistische) Kritik zum Gegenstand haben, die in den 1970er und 80er Jahren auf die neue Marx-Aneignung der 60er gefolgt sind. Das Podium soll ausschließlich mit Frauen besetzt werden, die für diese Intervention repräsentativ sind und die bestimmte weiße oder blinde Flecken benannt haben, sei es im Marxismus oder bei Marx selbst. Diese blinden Flecken betrafen vor allem die Geschlechterverhältnisse, des Weiteren die Frage der Kolonien, der Kolonialgeschichte und der Sklaverei, und schließlich die Bedeutung der Kultur und all der Praxen, die nicht unmittelbar ökonomisch sind oder zu sein scheinen.
Mariarosa Dalla Costa (Padua) steht für die feministische Intervention der 1970er Jahre. Dalla Costa war, damals noch im Umfeld der italienischen Autonomia Operia und bei Lotta Feminista, Pionierin der sog. Hausarbeitsdebatte.
María do Mar Castro Varela (Berlin) und – angefragt – Nikita Dhawan vertreten die postkoloniale Kritik der 1980er Jahre. María do Mar Castro Varela ist Professorin an der Alice Salomon Hochschule und schrieb mit Nikita Dhawan die kritische Einführung in die Postkoloniale Theorie.
Angela McRobbie (London) als Vertreterin der Kritik der Cultural Studies. Mc Robbie ist Professorin für Communication, beschäftigt sich im Bereich der Cultural Studies mit marxistischer und feministischer Theorie.

3. Abendveranstaltung, 28.10.2016
Die aktuelle Situation – „Was nun?“
Nach der Neuaneignung der 60er und der Kritik und den Interventionen der 70er und 80er Jahre soll der dritte Abend der aktuellen Situation gewidmet werden. Worin besteht die Aktualität des Kapital? Was sind die entscheidenden Fragen, gesellschaftlichen Widersprüche, Debatten, sozialen Bewegungen, politischen Auseinandersetzungen…
Der/die Redner_in steht noch nicht endgültig fest.

4. Die internationale Tagung zur Marx-Forschung, 29.10.2016
Eine Tagung zur Marx-Forschung soll den Abschluss der gesamten Marx-Herbstschule bilden. Für sie ist der gesamte Sonntag vorgesehen.
Das Kapital blieb vom Autor unvollendet, obwohl er bis zu seinem Tod daran arbeitete. Das Werk entstand im historischen Kontext großer gesellschaftlicher Umwälzungen, vor allem der Industrialisierung und der beginnenden Organisation des Proletariats. So blieb Marx zeitlebens ein Suchender, ein Forscher und ein Utopist. Die große Vielzahl von Studien, Analysen und Ausarbeitungen auf dem Weg zum Kapital zeigen zugleich die dynamische Entwicklung des Kapitalismus wie auch seine Störanfälligkeit durch Krisen.
In der Tagung soll dem Prozess der Ausarbeitung des Kapital nachgegangen und aufgezeigt werden, wie sich Marx mit seinen Vorgängern und Zeitgenossen auseinandergesetzt hat, wie er die kapitalistische Produktionsweise analysierte und wo seine Kritik ansetzte. Zugleich leiten sich daraus solche Fragen ab, wie
- Warum das Kapital unvollendet bleiben musste?
- Worin sich Marx‘ Kapital von den Werken seiner Vorgänger und Zeitgenossen unterschied?
- Worin die Desiderate der Marxschen Studien liegen?
In einem zweiten Schwerpunkt könnte – in Fortsetzung der ersten Abendveranstaltung – aufgezeigt werden, wie sich die Kapital-Rezeption in den 150 Jahren entwickelte, welche Diskussionsschwerpunkte es gab und wie die einzelnen Kapital-Ausgaben und Einführungen auf die Debatten Einfluss nahmen.
Der erste Schwerpunkt widmet sich Marx‘ Studienmaterialien und Manuskripte. Der zweite Schwerpunkt widmet sich der Aufnahme des Kapital im emanzipatorischen Denken und soll bis in die Gegenwart reichen; er soll auch Gelegenheit geben, neue Kapital-Editionen weltweit vorzustellen.