Die Rückkehr der Kapitalismuskritik, die neue Marx-Aneignung und der Ort der Theoriearbeit:
Die Idee der Marx-Herbst- und Frühjahrsschule

Im Zuge der aktuellen Krise des Kapitalismus ist allseitig von Marx’ Rückkehr die Rede. Allerdings wird Marx’ von Fürsprechern wie Gegnern meist eine Kapitalismuskritik unterstellt, die allenfalls noch auf den traditionellen Marxismus zutreffen mochte. Dadurch gehen sie oft an Marx selbst vorbei, und zwar nicht nur am „eigentlichen Original“, sondern am aktuellen Marx, denn die eigentliche Rückkehr ist gar nicht der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet.

Die eigentliche Rückkehr hängt mit einer neuen Marx-Aneignung zusammen, die Mitte der 60er Jahre im Zuge der Neuen Sozialen Bewegungen in den meisten (westlichen, z.T. aber auch in den realsozialistischen) Industrienationen anhob. Ihr ist es zu verdanken, dass Marx’ Kapitalismuskritik von den Verkürzungen befreit wurde, die sie sowohl von Seiten des traditionellen Marxismus als auch von dessen Kritikern erhalten hatte. Diese Erneuerung ist einer Theoriearbeit geschuldet, die meist außerhalb der Uni oder nur in ihren Nischen stattfand und von politischen Zusammenhängen, Lesegruppen und Einzelpersonen betrieben wurde. In diese Theoriearbeit will sich die Marx-Herbstschule einreihen.

Die Marx-Herbstschule soll jedoch nicht einfach nur diese Theoriearbeit organisieren, sie soll auch zwei „Lücken“ schließen.
Erstens soll die Lücke geschlossen werden zwischen „Marx-Experten“ auf der einen Seite und Interessierten sowie politisch Aktiven auf der anderen. Die Lücke soll zum einen aufseiten der Veranstalter geschlossen werden, die sich aus Organisationen und Gruppen „beider Seiten“ zusammensetzt, und zum anderen natürlich durch die Herbstschule und ihre Teilnehmer_innen.

Zweitens geht es darum, die Lücke für all diejenigen zu schließen, die bereits eine erste Bekanntschaft mit der Marx’schen Kritik hinter sich haben, aber darüber nicht hinausgelangt sind, weil gerade für diesen nächsten Schritt Angebote fehlen. So gibt es zwar mittlerweile ein breites Angebot für einen Einstieg in die Marx’sche Gesellschaftskritik, etwa durch entsprechende Literatur oder durch Einführungsveranstaltungen und Kapital-Lesekurse in und außerhalb der Universität, etwa die jährlichen Kapital-Lesekurse der Rosa-Luxemburg-Stiftung (www.das-kapital-lesen.de). Es gibt dagegen wenig weiterführende Angebote, obwohl das Bedürfnis dafür da ist (und ja nicht zuletzt durch die genannten Einführungen und Lesekreise geweckt wird). Obwohl die Marx-Herbstschule natürlich offen ist für alle und einführenden Charakter hat, richtet sie sich daher durch die Textauswahl und die Art der Durchführung vor allem an diejenigen, die über eine erste Einführung hinausgelangen wollen.

Wie funktioniert nun die „Marx-Herbstschule“?

Die Herbstschule ist ein Lektüre-Seminar, das auf ein Wochenende angelegt ist und seit 2008 jährlich immer Ende Oktober stattfindet. Die gemeinsame Lektüre wird in Arbeitsgruppen mit verschiedenen Vorkenntnissen aufgeteilt; alle AGs lesen aber dieselben, vorher ausgewählten Marx-Texte, vorbereitet, angeleitet und begleitet von pro AG mindestens zwei erfahrenen TeamerInnen aus dem Kreis der Vorbereitungsgruppen sowie aus den oben genannten Kapital-Lesekreisen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ziel ist, in gemeinsamer Lektüre und Diskussion ein genaueres Verständnis der zentralen Problemstellungen der Marx’schen Kapitalismuskritik zu erarbeiten.

Das Wochenendseminar wird zudem von einem Rahmenprogramm begleitet: am Freitagabend gibt es stets eine Einführungsveranstaltung in das anstehende Schwerpunktthema der Herbstschule, am Samstagabend findet eine große öffentliche Podiumsveranstaltung mit anschließender Party statt, und am Sonntagmorgen gibt es noch eine Extra-AG für Frühaufsteher und im Anschluss eine gemeinsame Abschlussveranstaltung, die sich meist mit der Wirkungs- und Ideengeschichte des jeweiligen Schwerpunktthemas beschäftigt.

Organisiert und finanziert wird die Herbstschule von der Gruppe Theorie.Organisation.Praxis und dem Ums-Ganze!-Bündnis, der Hellen-Panke Berlin und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Marx-Gesellschaft e.V. und dem Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition sowie den Teamern und Teamerinnen. Die Herbstschule hat zwischen 80 und 120 Teilnehmer_innen.

Zu den Teamer_innen der Herbstschule gehörten bislang: Renate Mohl, Valeria Bruschi, Diethard Behrens, Kornelia Hafner, Anne-Kathrin Krug, Nadja Rakowitz, Fritz Fiehler, Thomas Gehrig, Hans-Joachim Blank, Rolf Hecker, Christian Schmidt, Ingo Stützle, Matthias Wiards, Christian Frings, Charlie Kaufhold, Thomas Klauck, Felix Fiedler, Antonella Muzzupappa, Ozeni Athanasiadou und Robert Standfest.

Veranstalter:

  • Helle Panke e.V. Rosa Luxemburg Stiftung Berlin
  • Rosa-Luxemburg-Stiftung
  • Top B3rlin und …umsGanze!-Bündnis
  • Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition