Freitag-Sonntag / 25.-27.10.2019 / Berlin
12. Marx-Herbstschule: Kolonialismus und Sklaverei

(English below)

Die 12. Marx-Herbstschule widmet sich den Themen Kolonialismus und Sklaverei. Beide Themen hat Marx vor allem im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit behandelt, ansonsten aber nur fragmentarische Überlegungen hinterlassen. Eine systematische Analyse der Stellung des Kolonialismus in der kapitalistischen Produktionsweise ist zwar geplant gewesen, aber nicht mehr realisiert worden. Marx‘ Artikel in der New York Daily Tribune über die Zustände insbesondere in den asiatischen Kolonien haben viel Kritik erhalten. Vor allem im Rahmen der Dekolonialiserungsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Marx „Eurozentrismus“ vorgeworfen: Letztlich habe er die kapitalistische Produktionsweise für die einzig fortschrittliche gehalten und fast nur Europa im Blick gehabt. Bei dem Thema Sklaverei ist die Debatte zwar nicht so kontrovers verlaufen, das Thema selbst ist aber nicht weniger interessant. Marx lehnte die Sklaverei entschieden ab und forderte ihre Abschaffung, stellte ihr jedoch die „freie Lohnarbeit“ nicht als Ideal gegenüber. Vielmehr kritisierte er die „Lohn-Sklaverei“: Auch wenn die Arbeitskraft im Kapitalismus formal frei sei, so bedeute diese Freiheit doch gerade einen Zwang zur Arbeit. An die Stelle persönlicher Herrschaftsverhältnisse trete „der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“.
Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Passagen zur Lohn-Sklaverei aus Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie, aber auch mit der ökonomischen und historischen Rolle des Sklaverei-Systems. Des Weiteren diskutierten die AGs die so genannten „Indien-Artikel“, auf die sich der Vorwurf des Eurozentrismus vorrangig bezieht, sowie die weiteren Entwicklungen und die Veränderungen, die sich zu dem Thema Kolonialismus in späteren Texten von Marx finden. Welche Antworten auf die postkoloniale Kritik an Marx gegeben werden können, diskutierten wir am Samstagabend mit Vivek Chibber. Am Sonntag schließlich stellte Eun-Jeung Lee einerseits Marx‘ Kritik des Kolonialismus vor, anderseits ging sie auf Marx‘ überholtes Asienbild ein.
Die Marx-Herbstschule fand zum zweiten Mal komplett zweisprachig statt: Alle Vorträge und Diskussionen wurden simultan übersetzt (Deutsch/Englisch), zudem gab es eine Arbeitsgruppe in englischer Sprache.
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12th Marx Autumn School: Colonialism and Slavery

The 12th Marx Autumn School will focus on the subjects of colonialism and slavery. Marx dealt with both subjects primarily in the context of his work as a journalist, otherwise only leaving behind fragmentary observations. He had planned to systematically analyse the role of colonialism in the capitalist mode of production, but ultimately failed to realize this project. Published in the New York Daily Tribune, Marx’s article about conditions in the Asian colonies received a great deal of criticism. In the context of the decolonization processes that followed the Second World War, Marx was accused of “Eurocentrism”: of ultimately considering the capitalist mode of production to be the only progressive one and almost exclusively focusing on Europe. The debate around Marx’s attitudes to slavery has not been as controversial, but is equally as interesting. Marx firmly rejected slavery and called for its abolition, but he did not view “free wage labour” as an ideal alternative, instead criticizing “wage slavery”, for even if the labour power is formally free under capitalism, this freedom still implies a compulsion to work. Instead of interpersonal relations of domination, there is “the silent compulsion of economic relations”.
The working groups read the passages on wage slavery from Marx’s Capital, as well as the economic and historical role of the system of slavery. Furthermore, the working groups discussed the so-called “India articles”, the primary source of accusations of Eurocentrism, as well as the further developments and revisions on the subject of colonialism that can be found in Marx’s later texts. On Saturday evening, together with Vivek Chibber, we discussed possible answers to the postcolonial critique of Marx. Finally, on Sunday, Eun-Jeung Lee presented Marx’s critique of colonialism, while also discussing Marx’s outdated image of Asia.

The Marx Autumn School were bilingual, with all lectures and discussions simultaneously translated (German/English). There was also an English-speaking working group.

Location: Seminar rooms and Münzenbergsaal at the Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Programm:

Freitag, 25.10.2019
16.30 Uhr: Anmeldung
17-18.30 Uhr: Begrüßung und Einführung
Kolonialismus und Sklaverei bei Marx – Einführung in Thema und Textauswahl
(Deutsch mit Simultanübersetzung ins Englische)
Mit Anne-Kathrin Krug und Christian Frings
Moderation: Frank Engster
18.30-19 Uhr: Pause mit Imbiss
19-21 Uhr: Start der Arbeitsgruppen

Mit den Teamer*innen:
Ozeni Athanasiadou, Valeria Bruschi, Nicolas Drexel, Christian Frings, Ehrenfried Galander, Thomas Gehrig, Tatjana Gossen, Anne-Kathrin Krug, Renate Mohl, Nadja Rakowitz, Axel Rüdiger, Bafta Sarbo, Christian Schmidt, Jenny Simon, Robert Standfest, Matthias Ubl, Christopher Wimmer

Samstag, 26.10.2019

10-12.30 Uhr: Fortsetzung der Arbeitsgruppen
12.30-13 Uhr: Gemeinsame Runde
13-14 Uhr: Mittagessen
14-17.30 Uhr: Fortsetzung der Arbeitsgruppen
17.30-19 Pause

19 Uhr: Abendveranstaltung
Vivek Chibber: Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals
Vivek Chibber: Postcolonial Theory and the Specter of Capital

Die postkoloniale Theorie hat einen enormen Einfluss auf das Verständnis des globalen Südens. Sie geht allerdings auch mit einer Kritik am Universalismus bestimmter Kategorien der Aufklärung und dem Vorwurf des Eurozentrismus einher. Diese Kritik richtete sich auch gegen die Tradition des Marxismus und gegen Marx selbst. Vivek Chibber zeigt im Rückgriff auf Marx, dass die grundlegenden Argumente auf einer Reihe analytischer und historischer Missverständnisse beruhen. Chibber zufolge ist eine Kritik des Kapitalismus im Rückgriff auf das Universelle möglich ohne Eurozentrismus und ohne Reduktionismus.

Moderation: Bafta Sarbo

(English:)
Postcolonial theory has become enormously influential as a framework for understanding the Global South. It became also popular because of its rejection of the supposedly universalizing categories of the Enlightenment and of an “Eurocentrism” which is seen in tradition of Marxism, but also in Marx himself. Vivek Chibber shows in recourse to Marx that the foundational arguments are based on a series of analytical and historical misapprehensions. He demonstrates that it is possible to affirm a universalizing theory without succumbing to Eurocentrism or reductionism.

Eine Kooperationsveranstaltung mit dem Karl Dietz Verlag Berlin.
(Englisch mit Simultanübersetzung ins Deutsche)
Eintritt: 2,00 Euro
Ort: Münzenbergsaal, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring Platz 1, Berlin

Sonntag, 27.10.2019
9-10.30 Uhr: Internationale Perspektiven auf Marx und die Kritik des Kolonialismus
(Gemeinsame Diskussion auf Englisch und Deutsch)
10.30- 11 Uhr: Kaffeepause
11-12.30 Uhr: Eun-Jeung Lee: Marx‘ Asienbild
Marx hat keine in sich geschlossene Darstellung seiner Ansichten über China und Ostasien hinterlassen. Ungeachtet dessen hat aber das Marxsche Konzept von der „asiatischen Produktionsweise“ vielen wissenschaftlichen und politischen Debatten über die chinesisch-konfuzianische Gesellschaft als Ausgangspunkt gedient.
Marx begann im Hinblick auf die Weltrevolution über die Beziehung zwischen Ost und West nachzudenken. Die tiefe Krise der chinesischen Gesellschaft, von der er zum ersten Mal durch den deutschen Missionar Karl Gützlaff erfahren hatte, und den Taiping-Aufstand interpretierte er aus dieser Perspektive. Er brachte die gesellschaftlich-politische Entwicklung Chinas unmittelbar mit dem Eingreifen des Westens in Verbindung und glaubte, dass das Eindringen des englischen Kapitalismus ungeachtet seiner negativen Seiten progressive Wirkung auf die chinesische Gesellschaft ausüben würde. Seine anfängliche Hoffnung auf eine baldige Revolution in China erwies sich zwar als Fehleinschätzung, dennoch war er grundsätzlich überzeugt von den progressiven Wirkungen, die ein sich ausbreitender Kapitalismus auf eine rückständige und „stationäre“ Gesellschaft wie die chinesische haben würde. Dies wäre eben Chinas „Schicksal“.
Marx und seine Nachfolger haben allerdings die unbändige Kraft rebellierender Bauernmassen, die das Land periodisch (im Schnitt alle 200 Jahre) erschütterten und oft zum totalen Zusammenbruch der bestehenden Besitz- bzw. Herrschaftsverhältnisse führten, nicht einmal geahnt. Dennoch wäre es unangebracht, die „asiatische Produktionsweise“ von Marx, auch wenn er meinte, sie sei kategorisch auch für China gültig, anhand der empirischen Analyse der konfuzianisch-chinesischen Gesellschaft zu kritisieren, denn er hatte diese Theorie im Rahmen seiner detaillierten Untersuchung der indischen Gesellschaft entwickelt.

Moderation: Dr. des. Birgit Ziener
(Deutsch mit Simultanübersetzung ins Englische)
Eintritt: 2,00 Euro

12.30-13 Uhr: Abschlussrunde und Feedback

Program

Friday, 25 October 2019

4:30 pm: Registration
5:00 pm – 6:30 pm: Greetings and introductionColonialism and Slavery According to Marx – Introduction of topics and selected texts
With Anne-Kathrin Krug and Christian Frings
Moderation: Dr. Frank Engster
(In German with simultaneous translation into English)
6:30 pm – 7:00 pm: Break with refreshments
7 pm – 9 pm: Working groups begin

Our team of facilitators consists of: Ozeni Athanasiadou, Valeria Bruschi, Nicolas Drexel, Christian Frings, Ehrenfried Galander, Thomas Gehrig, Tatjana Gossen, Anne-Kathrin Krug, Renate Mohl, Nadja Rakowitz, Axel Rüdiger, Bafta Sarbo, Christian Schmidt, Jenny Simon, Robert Standfest, Matthias Ubl, Christopher Wimmer

Saturday, 26 October 2019

10 am – 12:30 pm: Working groups continue
12:30 pm – 1 pm: Joint session
1 pm – 2 pm: Lunch
2 p.m. – 5:30 pm: Working groups continue
5:30 p.m. – 7 pm: Break
7 p.m.: Evening event

Prof. Vivek Chibber: Postcolonial Theory and the Spectre of Capital
Moderation: Bafta Sarbo
Organized in co-operation with Karl Dietz Verlag Berlin
(in English with simultaneous translation into German)
Admission: €2 (not required for Autumn School participants)
Location: Münzenbergsaal, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring Platz 1, Berlin

Sunday, 27 October 2019

9 a.m. – 10:30 am: International Perspectives on Marx and the Critique of Colonialism
(Joint discussion in English and German)
10:30 a.m. – 11 am: Coffee break
11 a.m. – 12:30 pm: Prof. Eun-Jeung Lee: Marx’s Image of Asia
Moderation: Dr. des. Birgit Ziener
(in German with simultaneous translation into English)
Admission: €2 (Not required for Autumn School participants)
Location: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring Platz 1, Berlin
12:30 pm – 1 pm: Final session and feedback

Reader:

Hier könnt ihr Euch den Reader auf DEUTSCH herunterladen.

Den englischen Reader erhaltet ihr auf Anfrage. For the english version pleace contact us: mail[AT]top-berlin.net

Inhaltsverzeichnis:

1. Marx zu Indien
Die britische Herrschaft in Indien
(„New-York Daily Tribune“ vom 25.06.1853, MEW 9, S. 127-133)
Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien
(„New-York Daily Tribune“ vom 08.08.1853, MEW 9, S. 220-226)
Der indische Aufstand
(„New-York Daily Tribune“ vom 16.09.1857, MEW 12, S. 285-288)

2. Die „doppelt freie“ Lohnarbeit – die Ware Arbeitskraft
(aus: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 4. Kap., S. 181-191)

3. Die Rolle von Kolonialismus und „Sklaverei sans phrase“ in der „Genesis des industriellen Kapitalisten“

(aus: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 24. Kap., S. 777-788)

4. „Die moderne Kolonisationstheorie“ – eine Variante der ursprünglichen Akkumulation zur Herstellung des Zwangs zur Lohnarbeit

(aus: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 25. Kap., S. 792-802)

5. „Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“

(aus: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, 24. Kap., S. 765)

6. Fragmentarische Überlegungen zur ökonomischen Rolle der modernen Sklaverei aus dem 1., 2. und 3. Band des „Kapital“
„Der Heißhunger nach Mehrarbeit“
(aus: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 248-250)
Kaufpreis von Sklaven als fixes Kapital
(aus: Das Kapital, Bd. 2, MEW 24, S. 474-475)
Sklaverei und Mehrwertproduktion im kapitalistischen Plantagensysten
(aus: Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 812, 817)

7. Fragmentarische Überlegungen aus dem Nachlass von Marx zu den ökonomischen Beziehungen zwischen Kolonialland und Kolonie
(aus: Manuskript 1861-1863, MEW 44, S. 322-325)


Zur ausführlichen Vorbereitung und Vertiefung empfehlen wir zusätzlich die folgenden Texte, sie werden in den Arbeitsgruppen nicht diskutiert werden:

For detailed preparation and detailed study we additionally recommend the following texts, which will not be discussed in the working groups:

Christian Frings: Sklaverei und Lohnarbeit bei Marx Zur Diskussion um Gewalt und „unfreie Arbeit“ im Kapitalismus. In: PROKLA 2019, H. 9, S.

Lindner, Kolja: Eurozentrismus bei Marx. Marx-Debatte und Postcolonial Studies im Dialog. Werner Bonefeld und Michael Heinrich (Hg.): Kapital & Kritik. Nach der “neuen” Marx-Lektüre. 1. Aufl. VSA: Verlag Hamburg, S. 93–129.

Kolja Lindner. Marx’s Eurocentrism. Postcolonial studies and Marx scholarship. Radical Philosophy, 2010, pp.27-41.

Harootunian, Harry D. (2010): Who needs postcoloniality? A reply to Lindner. In: Radical Philosophy (164), S. 38–44.

Chibber, Vivek: Kapitalismus, Klasse und Universalismus. Auswege aus der Sackgasse postkolonialer Theorie. In: Wemheuer, Felix (Hg.): Marx und der globale Süden. Köln 2016 (Neue kleine Bibliothek, 227).

Chibber, Vivek (2014): Capitalism, Class and Universalism: Escaping the Cul-de-Sac of Postcolonial Theory. In: Socialist Register 50, S. 63–79.

Europa war für Marx das Zentrum der Welt. In: Autor_innenkollektiv: Mythen über Marx. Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse. Berlin 2016, S.86-91.

Anderson, Kevin: Marx an den Rändern. Vom Eurozentrismus zur globalen Revolution. In: Felix Wemheuer (Hg.): Marx und der globale Süden. Köln 2016(Neue kleine Bibliothek, 227), S. 32–55.

Weitere Empfehlungen:

Dipesh Chakrabarty: Europa provinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte. In: Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Campus, Frankfurt am Main 2012, S. 41-65.

Vivek Chibber: Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals, Karl-Dietz-Verlag, Berlin 2018.

Kulke, Hermann / Rothermund, Dietmar: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute C.H. Beck, München 2006.

Lee, Eun-Jeung: „Anti-Europa“. Die Geschichte der Rezeption des Konfu-zianismus und der konfuzianischen Gesellschaft seit der frühen Aufklärung. Eine ideengeschichtliche Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung. Münster/Hamburg/London: LIT 2003, S. 378-402.

Arnold, David: Südasien – Neue Fischer Weltgeschichte Band 11, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012.

Zur Marxschen Methode:

Diethard Behrens: Erkenntnis und Ökonomiekritik. In: Ders.: Gesellschaft und Erkenntnis. Freiburg 1993.

Diethard Behrens: Der kritische Gehalt der Marxschen Wertformanalyse. In: Ders.: In Gesellschaft und Erkenntnis Freiburg 1993.